April 29

Wir bauen um

Wir bauen um, heißt es, wenn mit ein wenig handwerklichem Geschick an allen Orten gebastelt, repariert und hier und da gewerkelt wird. Der Webmaster ist bemüht, die Internetpräsenz in kürzester Zeit auf Hochglanz zu polieren, um dem Zugegensein des Autoren Raum zu geben.

Bitte ein wenig Geduld!

Die bisherigen Beiträge bleiben selbstverständlich erhalten und können jederzeit eingesehen und gelesen werden.

Januar 14

Ein bisschen Geschichtsunterricht

Im Grunde müssen wir denjenigen dankbar sein, die Geschichte erlebt haben. Sie sind unsere Zeugen vergangener Tage, sie sind Mahner und genau betrachtet sind sie tatsächlich im wortwörtlichen Sinne Besserwisser. Sie übergeben uns metaphorisch betrachtet einen Staffelstab.

Einen solchen Stab in Form eines Briefes übersendete mir unlängst mein Autorenkollege Lutz Jahoda. Vielen Dank, lieber Lutz.

ES STAUNT DER MENSCH SO LANG ER LEBT

Ich kann alle Sünder zur Umkehr bringen, nur die Lügner nicht.

Rabbi Bunam

 

Passt scho!, heißt es in Bayern, wenn zum Ausdruck gebracht werden soll, dass etwas zu passen hat, auch wenn es nicht passt. Manchmal kommt gewieften Suchern auch etwas zupass, was heißt: es kommt gelegen. Und auf dieser tragischen Ebene fanden sich zwei, die eine Menge Verwertbares an sich hatten: Marinus van der Lubbe im Jahr 1933 und Lee Harvey Oswald, dreißig Jahre später. Beide wurden als Einzeltäter dargestellt: Lubbe, leicht sehbehindert, soll im Alleingang den Reichstag angezündet – Oswald, ein nur durchschnittlicher Schütze, den US-Präsidenten John F. Kennedy erschossen haben.

Was Lubbe und Oswald einte, war kommunistisches Gedankengut, und was sich geradezu anbot, waren anregende Handlungen der beiden, die sich hervorragend eigneten, ein nahezu lückenloses Schuldpuzzle zu konstruieren. So hatte der Niederländer Marinus van der Lubbe dilettantisch versucht, das Wohlfahrtsamt in Berlin-Neukölln, das Berliner Rathaus und das Berliner Schloss in Brand zu setzen. Oswald hatte Russisch gelernt, die Schriften von Marx und Lenin studiert, war in Moskau gewesen, mit einer russischen Frau in die USA zurückgekehrt und hatte sich von seiner Frau mit einem Gewehr fotografieren lassen. In beiden Fällen ausbaufähiges Grundlagenmaterial zu perfidem Gebrauch.

Die Nacht vor dem Reichstagsbrand, die Lubbe in einem Obdachlosenquartier am nordwestlichen Stadtrand von Berlin verbrachte – einen Tag nach seinem letzten missglückten Zündelversuch – darf als entscheidende Kontaktnacht gelten. In dieser Nacht muss ihm eingeredet worden sein, alleine nichts, aber in Gemeinschaft einer guten Vorbereitung alles – und zwar etwas ganz Großes erreichen zu können.

Und so war alles eingefädelt und vorbereitet an jenem Montagabend, dem 27. Februar 1933. Die Stabswache unter der Leitung von SA-Gruppenführer Karl Ernst war abgezogen worden und der Weg frei für die zehn SA-Experten, die in unauffälliger Zivilkleidung und ohne Gepäck vom S-Bahnhof Friedrichstraße am Spreeufer Richtung Reichstag entlanggingen, Halt machten am schmiedeeisernen Tor zum Garten des Reichspräsidentenpalais, in aller Ruhe aufschlossen und hinter der Mauer verschwanden.

Es lag Schnee in Berlin. Im Garten des Anwesens war die Schneedecke unbetreten rein. Jeder Einbrecher mit Verstand hätte Bedenken gehabt. Nicht die Männer im Auftrag ihres Anstifters. Sie fühlten sich von allerhöchster Ebene geschützt. Und so lagen auch schon im Heizkesselraum in unauffälligen Kisten die leicht entzündlichen Tinkturen bereit, die erforderlich waren, um die unsaubere Angelegenheit nachweislos sauber zu erledigen.

Die Streichhölzer und lächerlichen Kohleanzünder hatte Marinus van der Lubbe bei sich, der getäuschte, mit der Schuld-und-Sühne-Rolle betraute Sündenbock, der zeitversetzt bestellt war – für das Finale sozusagen -, während die Herren Brandstifter bereits mit den richtig und schnell wirkenden Utensilien unterwegs waren: mit Benzol, Phosphor und einer speziellen Terpentinersatzmischung.

Dass die Pyrotechniker ungesehen ins Reichstagsgebäude gelangen konnten, war dem Architekten und Baumeister Paul Wallot zu danken. Er hatte, eben aus Gründen des Brandschutzes, die Heizkessel und Maschinenanlage aus dem Reichstagsgebäude verbannt und die Rohre in einen Tunnel verlegt, der unter der Ebertstraße und unter dem Palais des Reichstagspräsidenten zu einem Heizhaus führte, 120 Meter östlich vom Reichstag. Und entlang dieser Heiz- und Lüftungsrohre und Telefonleitungen waren die Herren Pyrotechniker in den Reichstag hinein- und nach getaner Arbeit wieder herausspaziert.

Dass van der Lubbe unter Kontrolle des angeblichen Anarchistenfreundes aus dem Obdachlosenquartier zur richtigen Zeit und zur richtigen Tür in den Reichstag gelangen konnte, war Hauptteil des gut durchdacht ausgeführten Manövers Höllenfeuer, so dass es offenbar tatsächlich nur eines einzigen Streichholzes bedurfte, um die präparierte Innenausstattung des Plenarsaals innerhalb kürzester Zeit bis hinauf zur Kuppel auflodern zu lassen.

Vor lauter Erschrecken und Staunen über das Ergebnis, wird van der Lubbe gar nicht mitbekommen haben, dass sein Begleiter nicht mehr da war, dafür die Polizei und Feuerwehr unheimlich schnell, als hätten die gleich um die Ecke gewartet. Da war der vorgetäuschte Anarchist und Nazihasser längst als Letzter im unterirdischen Durchgang mit dem Auftrag, die beiden Tunneltüren hinter sich wieder ordnungsgemäß zu schließen.

Sechs Stunden vor dieser Aktion hatte Rudolf Diels, Leiter der Preußischen Staatspolizei, an sämtliche Polizeistationen eine Order mit beigefügter Verhaftungsliste ausgegeben gehabt, mit den Namen all jener, die den Nationalsozialisten auf vielfältige Weise schon immer im Wege waren. Die Prominentesten darunter: der Journalist Carl von Ossietzky, Herausgeber der „Weltbühne“, die Schriftsteller Egon Erwin Kisch und Ludwig Renn.

Und so brauchte Demagogenmeister Joseph Goebbels nur noch aus der Schublade die bereits druckfertig formulierte Verordnung „Zum Schutz von Volk und Staat“ hervorzuholen. Sogar für das Ermächtigungsgesetz hatte er schon eine Überschrift: „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“. Das war die Freifahrt der Regierung Hitler, nach Gutdünken Reichstag und Verfassung auszuschalten, die Tätigkeit der Kommunistischen Partei unter Strafe zu stellen und schließlich auch noch die SPD zu verbieten.

Selbst das Reichsgericht in Leipzig kam in seinem Urteil vom Dezember 1933 nicht um die Feststellung herum, dass Marinus van der Lubbes Rolle offenbar die war, „den Verdacht der Täterschaft, und zwar einer Alleintäterschaft auf sich zu lenken.“

Selbstverständlich hatte es eine Zusatzbemerkung des Reichsgerichts gegeben, dass der von gesinnungslosen Hetzern der NSDAP zugeschriebene Brandanschlag „den gesinnungsmäßigen Hemmungen dieser Partei“ widerspreche, demnach derartige verbrecherische Handlungen von vornherein auszuschließen seien.

So wurde viel gerätselt, behauptet und wieder zurückgenommen. Ernsthafte Historiker, darunter Dr. phil. Walther Hofer, seinerzeit Professor für Zeitgeschichte an der Universität Bern, studierten Akten und bestätigten die Urheberschaft der Nationalsozialisten. Ein Hobby-Historiker mischte unter Mithilfe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte mit und kam zu gegenteiliger Meinung. Der damalige Gestapochef Rudolf Diels gab nach 1945 die SA-Beteiligung zu, berichtigte seine Meinung im Alter, meldete Zweifel an. Hans Bernd Gisevius, am Aufbau der Gestapo unter Diels 1933 beteiligt, blieb bei seiner Behauptung, die sich mit der ersten Aussage seines Chefs deckte.

Marinus van der Lubbe starb drei Tage vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag am 10. Januar 1934 in Leipzig unterm Fallbeil. Die Männer des Tunnelkommandos starben im Projektilhagel einer Spezialeinheit der SS im Zuge der Röhm-Affäre im Hochsommer 1934, eines weiteren Liquidierungsauftrags Hitlers. Einer allerdings war den Schergen auf wundersame Weise entgangen: der Phosphorspezialist der Truppe. Laut Gisevius soll sich Göring während des Nürnberger Prozesses über diese Nachricht seines Verteidigers alles andere als gefreut haben.

Angeblich sei inzwischen unter Historikern die Meinung vorherrschend, dass Lubbe doch als Alleintäter betrachtet werden müsse. Warum auch nicht? Was in den USA mit Oswald funktionierte, muss doch, verdammt noch mal, auch in Deutschland zu schaffen sein.

Aber keine Bange, sagen die Wahrheitssucher: Der Historikerstreit wird weitergehen. Eine unendliche Geschichte.

Lutz Jahoda (all rights reserved)

____________________________________

Oktober 8

Lesung in Wolnzach/Bayern am 24. Oktober 2015

Am Samstag, den 24. Oktober geht es in die Fremde – obwohl – so fremd sind wir uns gar nicht (mehr), die Wolnzacher Kulturszene und ich. Mit Reinhold Alsheimer verbindet mich schon eine längere kollegiale Freundschaft und auf Lametto, den ich in diesem Jahr kennenlernen durfte, freue ich mich auch schon. Zudem reist Sylvia Bialon mit an, mit der ich mich an der literarischen Unterhaltung des anwesenden Publikums beteiligen werde. Besonderer Dank geht jetzt schon mal an Nathalie Ponsot, Künstlerin, Vernissagistin und Veranstalterin.

Wolnzach 1    Wolnzach 2

Mai 22

1949

Aus Die Magie der Triode oder Der Lebensweg des HW

Ob er ein hübscher Bube sei, erkundigte sich der Alte und ließ sich die Antwort immer und immer wieder geben. Schönes blondes Haar habe er, beschreibt die Großmutter das Kind, und die Augen seien die des Vaters und der trotzige Mund sei ihm von der mütterlichen Seite anvererbt, genau wie die dünnen Beinchen. Das Wörtchen »schön« zog sie dabei so in die Länge, als sei es mit mehr als einem ö versehen. Bisher war es für den 5-Jährigen unwichtig und bedeutungslos, dass er die Beine seiner Mutter haben sollte, da er sie sein Leben lang für die eigenen gehalten hatte. Zudem ließ es sich auf diesen ganz gut durch den Alltag steigen. Egal ob dünn oder dicker, sie waren gerade ausreichend genug, um ihn zu tragen, ihm einen aufrechten Gang zu verleihen und bei bietenden Gelegenheiten auf und mit ihnen davonzurennen.

Gerne ließ sich Großvater Louis, der genau genommen der Urgroßvater war und den Rang des Familienoberhauptes inne hatte, die Beschreibungen wiederholen, denn ob seiner Blindheit war er der Wahrnehmung solcher Äußerlichkeiten nicht in der Lage. Ja, blond war das Kind, war HW, vielleicht aber auch schön blond. Die kleinen Füße waren sommers blank gezogen, er bediente sich ihrer bar. Schuhe mussten – soweit vorhanden – geschont werden. Die Beine nackt und über dem Leib ein Hemdchen geknotet, rannte er die Mühlenstraße entlang der Weberhäuser. Dort, wo früher die Weber wohnten und arbeiteten, nannte man deren Häuser so. Es war eine ungemütliche Gegend, die schlechthin durch den nicht kanalisierten Gablenzbach alle Tage feucht war. Als Kind war man oft erkältet und die Erkrankten gesundeten leidlich. Es handelte sich dabei um die Region, in der der aus Gablenz kommende, gleichnamige Bach die letzten Meter bis zum Chemnitz-Fluss überwinden musste, um von diesem ganz und gar aufgenommen zu werden. Unweit der Bleichwiesen, auf deren Areal später das Stadtbad entstand, bezog der Altvater HWs jenes dreistöckige Gebäude, kellerlos und mit einem Kolonialwarenladen im Parterre, das voller Stolz mit der Hausnummer 24 versehen wurde. Zwei Ziffern, die 2 und die 4, deren begrifflichen Inhalt HW nicht kannte, von denen er nicht wusste, dass sie im Zusammenhang erst zu ihrer eigentlichen Bedeutung kommen, deren ureigenster Sinn ihm völlig klar war, nämlich, einem Ort oder einem Haus einen Namen zu geben. Und sein Haus hieß 24.

April 27

Die Höhepunkte in wenigen Bildern zusammengefasst

Nach diesen vielen Erlebnissen rund um die Lesungen und Autogrammstunden herum, macht es sich wohl anschaulicher, wenn ich im Stile eines Telegramms berichte. Aber jetzt schon kann ich sagen, dass es für meine beiden Mitstreiterinnen und mich, genau wie für Lutz Jahoda wunderschöne, erfüllende, schlafreduzierte, aufregende und freudige Tage waren. Eine Wiederholung schließen wir nicht aus!

Tag 1; Treff im Restaurant Farah auf dem Chemnitzer Kassberg. Aber wer ist hier das Sandwich?

Cover Front                        20150423_200328

Tag 2; Wir fahren nach Lugau. Im Kräutergarten Hagazussa empfängt uns ein heiteres Publikum zur Autogrammstunde.

FB_IMG_1429883158450

Der Zugang zum Kräutergarten

20150424_161233

Mit Lutz & Liebe

 

 

 

 

 

Nach dem Aufenthalt von 1 1/2 Stunden ging es schnurstracks zur Villa Facius, in der sich die Stadtbibliothek befindet.

20150424_214349

Und wieder singt er

20150424_201825

Autogramme über Autogramme

 

 

 

 

 

Tag 3; Den Nachmittag verbringen wir bei einer Benefiz-Veranstaltung in einem Betreuten Wohnen in Chemnitz. Lutz Jahoda entertaint vor einem Publikum, das nicht mehr so richtig in der Lage ist, einer Veranstaltung beizuwohnen.

IMG_7574

Einmal Fan von Lutz, immer Fan

Ab 18 Uhr hieß es dann Bühne frei im Kulturhaus Arthur.

IMG_7603    IMG_7610