August 27

Die Magie der Triode oder Der Lebensweg des HW

Ein Jahr der intensiven Arbeit geht zu Ende. Berichte und Interviews habe ich ausgewertet, kategorisiert. In dieser Zeit formten sich Personen, bekamen Verstorbene ein Gesicht, bildeten sich Charaktere. Heute heißt es 271 Seiten, 70.451 Wörter, 459.454 Zeichen (mit Leerzeichen) verteilt auf 8.065 Zeilen.

HW begleiten in seiner Kindheit und Jugend drei Generationen Familie. Da ist zuvorderst der blinde Urgroßvater Louis, der in der Erziehung des Jungen den im Krieg gefallenen Vater ersetzen muss. Von Louis lernt HW u.a. das Pinkeln im Stehen und einige andere Lebensweisheiten und -fähigkeiten. Er wird ihn bis zu dessem Lebensende Großvater nennen.

Diesem folgt Louis’ Tochter, Großmutter Louise, ein liebenswertes Geschöpf, jedoch von vielfältigen Krankheiten und Einschränkungen geplagt. HW wird schon als Kindergartenkind ihre Rente von der Bank holen, da sie nicht mehr in der Lage war, das Haus zu verlassen. Unmöglich? Nein, es war so! Schließlich war man im Viertel der Mühlenstraße bekannt.

Und last, but not least … Mama Marga. Wer könnte die hübsche, junge Witwe je übersehen, jenes zarte Wesen, das im Nachkriegs-Chemnitz an allen Orten gern gesehen war?

Zu viert wohnten sie in einem der dem Stadtbad gegenüberliegenden Weberhäuser, die vom Krieg weitestgehend verschont blieben. In die Mühlenstraße 24 wird HW hinein-geboren und diese Anschrift bleibt sein Heim für die gesamte Jugendzeit. Er wird den Grafiker Carl Amann kennenlernen, der ihn mit seiner ganzen Schrulligkeit für die Kunst begeistern wird. Nach Louis’ Tod wird HW der Bediener des hauseigenen Radios, einem Magischen Auge. Mama Margas Kumpanei und Louises Damen vom Kaffeekränzchen werden ihn für seine Begabung, Rundfunksender störfrei einzustellen ewig bewundern.

Dies soll nun die Chronik von HWs Leben sein, seine Annalen, die Geschichte eines Menschen, der selbst niemals Geschichte geschrieben, aber umso mehr erlebt hat. Ein Menschenschicksal soll es also sein, das zu einer Zeit beginnt, von der lediglich nur noch eine Minderheit unserer Zeitgenossen tatsächlich berichten kann und die Mehrheit vor den Regalen der Bibliotheken steht und um Hilfe ersucht, wenn denn auch ein ehrliches und aufrichtiges Interesse daran besteht.

Es scheint, dass hier allerlei zusammengekommen ist. Weit gefehlt, denn es wird (zunächst) aus dem Leben des HW lediglich der erste Lebensabschnitt erzählt, beim Kennenlernen der Eltern beginnend, über die Zeugung des Protagonisten und dessen Geburt 1944 in Chemnitz bis unmittelbar vor seine Volljährigkeit. Aber was soll das?

Immer mit der Ruhe! Das nächste Buch ist schon in Planung. Hier erleben wir dann, wie es dem Chemnitzer Jungen gelingt, seine Interessen für Kunst und Technik zu vereinen. Er wird studieren, Bühnenarbeiter am Opernhaus und Puppenspieler im Puppentheater. Nach der Armeezeit wird er an der Leipziger Pfeffermühle als Requisiteur und Designer tätig sein und sehr bald Kamera-Assistent beim Fernsehen. Als diplomierter Bühnenbildner arbeitet er in den 70ern im Studio Karl-Marx-Stadt und wechselt in den 80ern als Regisseur zur Sandmann-Produktion. In den 90er Jahren begleiten HW alle Vor- und Nachteile der Selbstständigkeit – dies aber wird noch alles erzählt werden.