Mai 27

Besuch bei den Strittmatters am 25. Mai 2013

Wie fasst man in wenigen Worten zusammen, was man erlebt hat? Wie macht man verständlich, was einen bewegt? “Na mäg”, würde Erwin sagen, wenn Fragen unbeantwortet bleiben sollen. Einfach mal  so stehen lassen und nicht zerreden soll!

Es war ein Samstag, wie er in Geschichten und Romanen als melancholisch und voller Schwermut beschrieben wird. Unaufhörlich regnete es, mal mehr, mal weniger. Alleine die Anfahrt belohnt das Auge mit Grün, viel Grün. Die Sprache ist vom Neuruppiner Land; scheinbar unendliche Alleen, weite Felder, hübsche Dörfer. Im Radio näselt Jan Delay, und die Scheibenwischer leisten mal wieder ganze Arbeit. Schön vorsichtig fahren! Ich lache mich kaputt – hier gibt es ja noch Kopfsteinpflaster, flächendeckend. Die Uhr verrät, dass wir viel zu zeitig sind. Egal. Gehen wir eben noch auf den Friedhof.

Mehr als zwei Jahre ist es hier, dass Eva starb und 19 seit Erwins Tod. Die Gräber … naja, man kennt ja Gräber. Aber die Steine, die Grabsteine … beeindruckend. Und die Geschichte die dahinter steht … Erwin hat seinen selbst ausgesucht, beim Ausritt im Wald gesehen, für sich gefunden und Besitz angemeldet. Und Eva? Jakob wird mir noch erzählen, dass sie in einem ihrer letzten Gespräche mit ihm davon sprach, einen Stein für sich entdeckt zu haben.

Im Haus der Strittmatters, das nur an diesem Samstag und ausschließlich nur für uns geöffnet wurde, sind wir den beiden, Eva und Erwin ganz nah, im Geiste, wie auch im Herzen. Es ist tatsächlich eine nicht zu wiederholende Ehre, ins allerprivateste sehen zu dürfen. Das Obergeschoss – Erwins Welt. Sie blieb  zu seinen Lebzeiten für Fremde verschlossen. Nur zwei Hände voll Auserwählte durften die zwölf Stufen nach oben gehen und es sich in einem der Ledersessel gemütlich machen. Selbst der Familie blieb die Tür oft verschlossen. Und nun stehen wir vor seinem Sterbebett, wo er am 31. Januar 1994, 12:00 Uhr im engen Familienkreis starb. Eine Amsel (die Vateramsel) soll just in diesem Moment in einem dem Haus nahen Baum gesessen und unaufhörlich gesungen haben. Kitsch oder doch Poesie? Ich glaube es einfach.

In der Wohnstube Evas letzte Bettstatt. Wir sehen, welches Parfüm sie favorisierte. Aha! Und überall Bücher, Bücher über Bücher, Bilder, Keramiken, die Fahne von Fahrradverein von 1925. Der Esstisch. Hier machte sie ihre berühmten Suppen. Diese sollen schon ein Grund gewesen sein, wieder hierherkommen zu wollen, zu müssen. Jakob schwärmt uns ein wenig davon vor.

Es ist ein wenig merkwürdig … oft standen wir am Zaun und sahen hinein ins Grundstück, immer den Wunsch in uns, einmal drinnen zu sein. Und nun hat sich unser Blickwinkel geändert. Diesen Weg sind sie auch gegangen. Ah, die Kutsche, ja ja, damit sind sie oft durch die Wälder gefahren, vornan die Ponys. Sein Sessel, den ich berühre, ihren Stuhl, der der Küche am nächsten steht. Kurze Wege. Ich bin ihnen nah, wir sind ihnen nah. Ich berühre sie. Berühren auch sie mich? Ja … schon lange Jahre!

Abschließend Kaffee. Der ist mir wichtig. Kaffee ist wichtig. Und noch eine lange Unterhaltung mit Jakob … Jakob Strittmatter, der all unsere Fragen bereitwillig beantwortet, der uns Sachen erzählt, die wohl in keinem der bisherigen Berichte Erwähnung fand. Ich sehe in seine Augen, suche Erwin, finde ihn nur in Jakobs Gang und einigen Gesten, dafür aber zu 100% in seinen Töchtern.